Reisen ist kein Ersatz für Besitz

Reise für dich, für niemanden sonst

„Hast du auf Bali den Uluwatu Tempel gesehen? Hast du in Indien eine Backwaters Tour gemacht? Warst du auf einer Full-Moon-Party in Thailand?“ Nein. Nein. Nein. All diese Sachen habe ich auf meiner Reise ausgelassen. Reisen ist kein Ersatz für Besitz. Seit November bin ich jetzt in Asien unterwegs und ich habe nur wenige Länder bereist und nur wenige Sehenswürdigkeiten besichtigt. Ich möchte dir gerne erklären, warum ich das immer wieder genau so machen würde und wieso es gut ist, auch mal an ein und demselben Ort zu bleiben. Was das alles mit Minimalismus zu tun hat? Lass dich überraschen!

Ich liebe neue Orte

Als erstes sei einmal gesagt, dass ich es liebe neue Orte und neue Länder zu entdecken. Überall erwarten dich neue Überraschungen, Gerüche, Geschmäcker und Menschen. Jeder Ort ist ein neues Abenteuer, das dich spüren lässt, wie lebendig du bist und wie vielseitig die Welt ist. Es wird niemals langweilig, egal welchen Ort du entdeckst. Die ersten Stunden sind dabei natürlich immer die aufregendsten. Du musst eine Unterkunft für die Nacht finden, ein Restaurant, in dem es dir schmeckt (und du dir nicht den Magen verdirbst), einen Ort, an dem du Entspannen kannst, und Menschen, mit denen du dich verstehst. Und das jedes Mal aufs Neue. An jedem neuen Ort. Bist du in einem ganz neuen Land, musst du dich erst an die neue Währung gewöhnen, herausfinden, wie das Preisniveau ist und oft erst einmal draufzahlen, bis du ein Gespür für all das entwickelt hast.

 

Aber …

Das ist definitiv aufregend und ich möchte diesen Teil des Reisens auf keinen Fall missen, aber es wird mit der Zeit auch anstrengend. Zumindest, wenn du es übertreibst. Für mich ist es einfach zu viel, jeden oder jeden zweiten Tag den Ort zu wechseln. Der Gedanke stresst mich, jeden Tag meinen Rucksack packen und eine neue Bleibe suchen zu müssen. Jeden Tag Zeit in Bus, Zug, Taxi oder Flugzeug zu verbringen ist nicht die Art, wie ich meinen Tag verbringen möchte. Je schneller du reist, desto weniger kannst du in das Leben vor Ort eintauchen. Du lässt den einzelnen Orten keine Chance, einen Platz in deinem Herzen zu finden. Klar sehe ich dann mehr, aber sehe ich es wirklich? Ist es nicht nur ein Sammeln von Orten, die ich besucht habe?

 

Herzensorte finden

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Bambus voller Liebeserklärungen in Thailand <3

Und dann kommst du an einen Ort, an dem du dich sofort wohlfühlst, der dein Herz im Sturm erobert hat und dich zweifeln lässt, ob du noch andere Orte sehen möchtest. Natürlich möchtest du, aber muss es auf dieser Reise sein? Kannst du nicht auf deiner nächsten Reise andere Orte besuchen? Diese Gedanken hatte ich hier in Varkala. Wir sind im Mango Guesthouse gestrandet. Von der ersten Minute an fühlten wir uns total wohl. Ähnlich wie damals auf Bali und später dann in Chiang Mai. Der Plan war, hier drei oder vier Nächte zu bleiben und dann wieder in Richtung Norden aufzubrechen, da unser Flug zurück nach Deutschland von Mumbai geht. Unterwegs wollten wir Orte wie Hampi, Munnar und Gokarna besuchen. Nach vier Tagen war klar, dass wir länger in Varkala bleiben. Wir fühlten uns einfach zu wohl hier. Du kannst eine Reise nicht besitzen, wie du einen Gegenstand besitzt, aber manchmal ergreift sie Besitz von dir und bringt deine Pläne durcheinander. Lass es einfach zu.

 

Warum du bleiben solltest, wo es dir gefällt

Besitz_vs_Erlebnisse

Oft sind es die Menschen (oder Tiere), die dich an einem Ort bleiben lassen. Catselfie: Kätzchen Fifi auf Bali

Ich bin jetzt seit über einer Woche in Varkala und ich werde noch bis Samstag hier bleiben. Dann geht es mit dem Zug direkt nach Mumbai. „Direkt“ bedeutet, dass ich für 30 Stunden im gleichen Zug sitzen werde. Keine Traumvorstellung, aber besser als meinen Herzensort frühzeitig verlassen zu müssen. Wenn du an einem Ort ankommst, den du nicht verlassen möchtest, weil du dich so unglaublich wohl dort fühlst und noch nicht einmal beschreiben kannst, wieso, dann bleib doch einfach dort. Niemand schreibt dir vor, wie viele Orte du in einem Land gesehen haben musst. Es gibt keine Regel, die besagt, dass du als Backpacker von Ort zu Ort ziehen musst. Geh deinen eigenen Weg und finde heraus, wie sich Reisen für dich gut anfühlt.

 

Behandle deine Reisen wie einen Gegenstand

Du weißt, dass ich der Meinung bin, dass es definitiv besser ist, wenn du dein Geld in Reisen investierst als in Gegenstände. Ganz klare Sache. Was meine ich also, wenn ich sage, dass du deine Reisen so behandeln sollst wie einen Gegenstand? Ganz einfach. Mache deine Reisen nicht zu einem Sammelgut, wie du es vielleicht mit einigen Gegenständen getan hast. Deine Reisen sollten dich glücklich machen und nicht einzig dazu dienen, sagen zu können, wo du schon überall gewesen bist. Sie sind kein Ersatz für Besitz. Ebenso solltest du nur Gegenstände haben, weil du sie wirklich brauchst, nicht einfach nur um sie zu besitzen und anderen Menschen zu zeigen.

 

Reisen als Statussymbol?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Reisen für viele Menschen zu einer Art Statussymbol geworden sind. „Guck, wo ich schon überall war und was ich alles schon gesehen habe.“ Ich habe mich selbst dabei erwischt, wie ich überlegt habe weiterzuziehen, nur um mehr Orte zu sehen. Natürlich gehört das auch irgendwie zum Reisen dazu, aber nicht, wenn du dich an einem Ort so wohlfühlst, dass es sich falsch anfühlt zu gehen. Du musst niemandem etwas beweisen. Die Reisen, die du machst, machst du für dich. Wenn dich also jemand fragt, wo du überall warst und er komisch guckt, weil du nicht möglichst viele Orte gesehen hast, dann erzähle ihm, dass es sich richtig angefühlt hat an einem Ort zu bleiben, statt möglichst viel in kurzer Zeit zu sehen. Erzähle ihm, dass du in das Leben vor Ort eingetaucht bist, anstatt es nur zu beobachten. Erzähle von den Menschen, die du getroffen hast und von den Restaurants, die du entdeckt hast, weil du dich mit den Locals unterhalten hast. Berichte von den Sonnenuntergängen, die jeden Tag anders waren, obwohl du am gleichen Strand warst.

 

Was bedeutet Reisen?

Reisen_heißt_leben

Hab einfach Spaß und sei du selbst. Reisen heißt leben.

Reisen bedeutet mehr, als nur möglichst viel zu sehen. Es bedeutet, in fremde Kulturen einzutauchen, das Leben vor Ort zu erleben, sich wohl zu fühlen und einfach glücklich zu sein. Reisen bedeutet auch, seinem Herzen zu folgen, an Orten hängen zu bleiben und irgendwo zu leben statt nur dort zu übernachten. Oft ist es gar nicht der Ort selbst, der dir so gefällt, sondern die Menschen, die du dort trifft. Mache deine Reisen nicht zu einem weiteren Ding, das du sammelst, um es anderen zeigen zu können. Mache deine Reisen zu einem einzigartigen Erlebnis, das dein Herz zum hüpfen bringt und dir noch Jahre später ein Lächeln auf dein Gesicht zaubert. Reisen bedeutet zu leben.

Bist du schon einmal länger an einem Ort geblieben, als du eigentlich geplant hattest? Welcher Ort war das? Ich freue mich über deinen Kommentar!

6 Comments

  1. Seit ich mich bei meinem neuen (ebenso reiseverrückten) Chef als Inhaberin einer Reisewebseite vorgestellt habe, kommt jetzt immer wieder die Frage auf „Warst du denn schon in Neuseeland oder Australien?“ – „Was, du warst noch nie in Lateinamerika? Ich war ja schon da und da und da!“ – „Aber bestimmt im Yellowstone NP in den USA? Auch nicht? Da solltest du als Outdoorfreak aber unbedingt gewesen sein!“

    Irgendwie fange ich dann an, mich schlecht zu fühlen. Kann ich mich denn eigentlich als „Reiseexperte“ ausgeben, wenn ich an all diesen weltbekannten Orten noch nie gewesen bin? Was ist mit meinen anderen Errungenschaften, wie Ruanda oder Iran, wo noch nicht so viele Reisende waren? Zählt das nicht in den Augen eines Otto-Normalreisenden? Definiert sich meine Reisefreudigkeit also nur in besuchten Städten, Ländern, Kontinents? Gibt es da nicht noch andere, viel essentiellere Fragen wie „Was hast über die Kultur gelernt?“ oder „Was hast du über dich selbst gelernt?“ – ist das Reisen nicht gar eine besondere Form der Selbstfindung?

    Ich bin wohl, nachdem ich selbst als Backpacker im Zweitagesrhytmus von Ort zu Ort gezogen bin, etwas ruhiger und in mich gekehrter geworden. #SlowTravel heißt hier das Stichwort. Das ich das nicht nur vor mir selbst, sondern auch vor anderen als etwas positives darstellen kann, dazu fehlt es mir noch etwas an Selbstvertrauen. Aber selbst hier gibt die Reise an sich ja tolle Möglichkeiten, sich immer wieder neu auszuprobieren.

    Sorry, nun bin ich echt total vom Thema abgekommen. Deine eigentlich Frage bezog sich ja auf Orte, an denen ich länger geblieben bin als geplant. Und oh ja, die gibt es! Bei mir war Taiwan so ein Fall. Ich wollte dort eine Freundin aus dem Auslandssemester besuchen und 2 Wochen auf der Insel bleiben. Da 2 Wochen allerdings viel zu wenig waren, um die komplette Insel zu sehen, ließ ich schlichtweg meinen Weiterflug verfallen und blieb für insgesamt 5 Wochen.
    Taiwan ist damit eines meiner Lieblingsländer zum Reisen und Erkunden.

    • Silke

      19. September 2017 at 10:26

      Vielen Dank Korinna! Taiwan hatte ich bisher absolut noch nicht auf dem Schirm und damit wirst du zu meiner Expertin für das Land! 😉 Auch im Iran und in Ruanda war ich noch nicht und ich bin mir sicher, dass du viel darüber berichten könntest. Es zählt nicht wie viele Stempel du schon in deinem Reisepass hast und auch nicht welche Sehenswürdigkeiten du schon gesehen hast. Das einzige was zählt ist, dass du eine tolle Zeit hattest. Für dich ganz allein. Für niemanden sonst. Und wenn du darüber einen Reiseblag schreibst, finde ich das super. Das verpflichtet dich doch nicht dazu schon überall gewesen zu sein. Ich schreibe ja schließlich auch einen Blog über Minimalismus und besitze deutlich mehr als 100 Dinge 😉
      Lieben Gruß,
      Silke

  2. …Byron bay in Australien ist definitiv ein ort den ich total unterschätzt habe wir waren damals mit dem Camper unterwegs in Australien und wollten in Byron bay nur einen Zwischenstopp einlegen daraus wurde dann eine ganze Woche… ich finde deinen Blog echt super weiter so

    • Silke

      20. März 2017 at 10:09

      Hi Emilio,
      schön, dass dir mein Blog gefällt und danke für deinen Kommentar.
      Ich „vergesse“ Australien irgendwie immer wieder bei meinen Reiseplanungen, aber vielleicht sollte ich dort wirklich mal hin. Vor allem für Camper soll es ja ein Traum sein. Ich bin nur immer so schissig wegen den ganzen giftigen Tierchen dort ;-)Byron Bay scheint ja eine besondere Magie zu haben. Mal sehen, ob es mich da mal hin verschlägt.
      Lieben Gruß,
      Silke

  3. <3 wunderschöner Artikel, Silke!
    Ich kann zwar Deine Frage am Ende nicht so schnell beantworten (bin ich schon mal länger geblieben? weiß ich gar nicht. Aber ich bin schon öfter wiedergekommen als ursprünglich geplant!), aber Dein Artikel bringt sogar beim Lesen mein Herz zum Hüpfen :-)
    Liebe Grüße!
    Andrea

    • Silke

      30. März 2016 at 8:41

      Danke :-)
      <3 Hüpfende Herzen find ich super <3
      Das mit dem Wiederkommen kenne ich… Auf Bali war ich ja tatsächlich zwei Monate meiner Reise statt nur einen 😉
      Hab noch einen tollen Tag!
      Liebe Grüße, Silke

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