Minimalismus als Zwang

Kann Minimalismus zum Zwang werden?

Immer häufiger lese ich in Foren und Gruppen, dass einige nicht aufhören können zu minimalisieren. Das Ausmisten scheint zu einer Art Zwang geworden zu sein und das Gefühl, sich noch nicht von genügend Dingen getrennt zu haben, beherrscht den Alltag – auch, wenn die Schränke schon fast leer sind und Freunde und Familie schon des Öfteren geäußert haben, dass es langsam gut sein muss. Kann Minimalismus wirklich zwanghaft werden? Ich glaube, ja.

Meine eigenen Erfahrungen

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Ich habe beim Ausmisten festgestellt, dass ich immer weniger behalten wollte, je länger ich mich mit dem Thema Minimalismus beschäftigt habe. Ich habe das durchaus als positiv empfunden, da es mir so leichter fiel, mich von Dingen zu trennen. Bei meinem Kleiderschrank hatte ich immer das Gefühl, dass noch mehr weg könnte. Egal wie viele Säcke ich schon zum Altkleidercontainer gebracht hatte. Der Kleiderschrank meines Freundes war deutlich leerer als meiner, also sollte auch ich mit weniger Kleidungsstücken auskommen. Nach einer Weile stellte ich jedoch fest, dass mir das nicht wirklich etwas bringt. Ich hatte schon einige Teile zur Seite gelegt, die ich eigentlich sehr gerne anzog. Alles nur, weil ich weniger haben wollte. Das ergab für mich keinen Sinn. Ich beschloss, lieber ein paar mehr Sachen zu besitzen und diese nach und nach aufzubrauchen, statt irgendwann etwas Neues kaufen zu müssen, wenn ein Kleidungsstück kaputt gegangen ist. Seitdem kann ich im Keller meiner Mutter „shoppen“ gehen, wenn ich mal Lust auf etwas Abwechslung habe. (Tipps, wie du deinen Kleiderschrank ausmisten kannst, findest du in Pias Buch „Minimalismus trifft Kleidung„.)*

 

Die Einsicht

Bei mir kam also ganz von selbst die Einsicht, dass es nicht sinnvoll sein kein alles wegzugeben, nur um weniger zu besitzen. Auch mit Notizblöcken, Stiften und ähnlichem bin ich ähnlich verfahren. Ich habe ein paar Dinge verschenkt und den Rest eingelagert. Schließlich benutze ich diese Dinge fast täglich und brauche sie nach einer Weile auf. Wieso etwas Neues kaufen, nur weil ich zuvor nicht bereit war, es länger zu besitzen? Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie mir irgendwann neu kaufen würde, werden also eingelagert. Mit der Zeit wird mein Lager dann kleiner, ohne dass ich etwas wegwerfen oder neu kaufen musste.

 

Immer wieder neuer Ansporn

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Vielleicht fühlst auch du dich selbst nach dem Ausmisten noch von deinem Besitz erdrückt und Berichte über den 100-Dinge Minimalismus und Challenges, wie du noch mehr Dinge in möglichst kurzer Zeit loswirst, spornen dich immer wieder von Neuem an, dich von mehr und mehr Dingen zu trennen. Es scheint immer, als hättest du noch viel mehr als alle anderen und du findest einfach kein Ende beim Ausmisten. Das ist ein ersten Anzeichen für zwanghaftes Verhalten und daher halte ich ehrlich gesagt nicht viel von diesen ganzen Challenges. Es sind mit Sicherheit ein paar tolle Methoden dabei, die dem ein oder anderen vor allem am Anfang beim Ausmisten helfen, aber im Prinzip geht es nur darum, sich mit anderen zu messen oder eine Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Neue Gewohnheiten sind nicht immer schlecht, aber wenn sich dein Leben nur noch darum dreht, dich von Dingen zu trennen, läuft definitiv etwas schief. Ein Tag, an dem du dich von nichts getrennt hast, ist ein schlechter Tag und endet oft mit Frustration, Tränen und Selbstzweifeln? Wenn du das bei dir schon einmal beobachtet hast, solltest du dir noch einmal gut überlegen, wieso du minimalistisch leben möchtest. Minimalismus soll Spaß machen und dein Leben bereichern. Er sollte kein Zwang sein, der deinen Tag bestimmt oder dich traurig macht.

 

Von einem Zwang zum nächsten

Minimalismus kann auch als Gegenstück zum Kaufzwang werden. Eine Ersatzdroge sozusagen. Du brauchst diesen Kick, dich von etwas zu trennen. Der gleiche Kick, den du vielleicht früher bekamst, wenn du dir etwas gekauft hast. Statt stolz deine neue Deko oder Garderobe vorzuzeigen, kannst du jetzt allen zeigen, wie wenig du zum Leben brauchst. Während du beim Kaufzwang immer mehr Besitz ansammelst, sitzt du beim Zwang zu minimalisieren irgendwann in einem leeren, lieblosen Raum. Lass mich dir eines sagen: Das ist nicht Sinn und Zweck des Minimalismus! Du musst nicht der Mensch mit dem wenigsten Besitz werden. Es geht nicht darum, nichts mehr zu besitzen. Du sollst herausfinden, welche Dinge du zum Leben brauchst und welche eben nicht. Rutsche nicht von einem Extrem ins andere und lasse dich nicht dazu verleiten, dich von mehr Dingen zu trennen, als du eigentlich möchtest, nur weil irgendjemand weniger besitzt als du. Menschen sind verschieden und somit auch ihre Bedürfnisse. Wenn dich deine Schoko-Nikolaus-Sammlung glücklich macht, dann behalte sie bitte. Es ist dein Leben und niemand hat dir vorzuschreiben was dich glücklich macht und was nicht. Manchmal sind es eben die absurden Dinge, die uns zu dem Menschen machen, der wir sind.

 

Minimalismus ist kein Wettbewerb

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Eine eigene Persönlichkeit ist wichtig. Du möchtest nicht die Kopie von irgendjemandem sein und du möchtest dich sicher auch nicht jeden Tag verstellen, nur um anderen zu gefallen. Das ist auf Dauer nämlich verdammt anstrengend und macht definitiv nicht glücklich (was wirklich glücklich macht, kannst du hier lesen). Diese ganzen Challenges sollen dir helfen, deinen eigenen Weg zu finden. Lasse dich nicht darauf ein, dass sie zum Wettbewerb werden. Tausche dich mit anderen aus, aber verteidige deinen Standpunkt, wenn du dich von bestimmten Dingen nicht trennen möchtest. Es ist auch ok zu scheitern. Die Welt geht nicht unter, nur weil du nicht 30 Tage lang jeden Tag ein Teil aussortiert hast. Bestimme dein eigenes Tempo und höre auf, wenn du glaubst, dass es genug ist. Wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass du wohl doch noch zu viel besitzt, kannst du dich auch nach einer Challenge noch von Dingen trennen. Es ist dein Leben. Nimm es also selbst in die Hand statt blind irgendwelchen Anweisungen zu folgen, die vielleicht zu einem zwanghaften Verhalten führen.

 

Minimalismus darf nicht wehtun

Ich mache es inzwischen so, dass ich Dinge behalte, wenn schon der Gedanke daran, ihn abzugeben, schmerzt. Wenn ich dann zwei Wochen später das Gefühl habe, dass ich diesen Gegenstand wirklich nicht brauche und es wohl nur ein kurzer schmerzlicher Moment war, kann ich mich ja immer noch von ihm trennen. Du solltest nichts weggeben, nur damit du wieder ein Teil weniger hast. Genauso solltest du nicht nichts mehr kaufen, obwohl du vielleicht etwas brauchst. Beim Minimalismus geht es nicht darum, sich von allem zu trennen und nie wieder etwas Neues anzuschaffen. Es geht darum bewusst zu handeln. Bewusstes Ausmisten und bewusstes Einkaufen. Finde deinen Mittelweg.

Hattest du auch schon einmal das Gefühl, dass du einfach nicht aufhören kannst dich von Dingen zu trennen? Berichte mir doch in den Kommentaren von deinen Erfahrungen.

 

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2 Comments

  1. Hallo,
    Ich habe auch bis jetzt fleissig bei einer Challenge mitgemacht, bei der es darum geht jede Woche etwas zu entrümpeln.. Ich merke das ich langsam aufpassen muss das es nicht zwanghaft wird… Das Leben besteht ja nicht nur aus entrümpeln… Ich sollte meinen Fokus mal wieder auf etwas setzen, das einfach mal Spaß macht und lebensfroh ist. Zuviel Perfektionismus in diesem Bereich taugt auch nichts..
    Liebe Grüße
    Dagmar

    • Silke

      11. Juli 2016 at 10:11

      Hallo Dagmar,
      danke für deine Ehrlichkeit.
      Selbst zu merken, dass man es evtl. etwas übertreibt ist schon mal sehr gut.
      Vielleicht hilft es dir, wenn du mal aufschreibst, was du schon alles ausgemistet hast. Das ist sicher schon eine lange Liste, die dir dann zeigt, das mehr nicht notwendig ist. Vielleicht ist es sogar schon so viel, dass du dich gar nicht mehr an alles erinnern kannst.
      Den Fokus auf etwas anderes zu richten ist auch ein guter Weg, der bei manchen Menschen aber leider nur kurzfristig funktioniert.
      Ich drücke die Daumen, dass du einen guten Weg für dich findest.
      Lieben Gruß, Silke

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