Leben mit dem Nötigsten-zu Besuch bei einer Balinesin

Leben mit dem Nötigsten

Ich bin Minimalistin. Die Konzentration auf das Wesentliche gehört für mich zum Alltag. Ich kaufe nur selten neue Dinge und ich bin allgemein mit wenig glücklich. Für mich ist der Minimalismus eine Einstellung zum Leben und eine Art zu leben. Es gibt aber auch Menschen, die mit wenigen Dingen leben, weil sie sich nicht mehr leisten können. Sind diese Menschen trotzdem glücklich? Wieso streben wir nach weniger Besitz, während es anderen Menschen nicht möglich ist, sich schöne Dinge zu kaufen oder ihre Wohnung hübsch einzurichten?

Ich habe diese Gedanken nicht zum ersten Mal, aber sie waren noch nie so präsent wie gestern. Ich habe mich in den letzten Wochen mit einer der Mitarbeiterinnen unserer Unterkunft angefreundet. In diesem Artikel werde ich sie Mia nennen. Durch Gespräche mit ihr und ihrem Mann weiß ich, dass sie zwar nicht reich sind, aber doch mehr verdienen als viele andere Balinesen. Die beiden verdienen zusammen etwa 400 Euro im Monat. In schlechten Monaten weniger. In guten Monaten mehr. Mias Mann ist Taxifahrer und vor allem in der Nebensaison hat er oft mehrere Tage keinen einzigen Auftrag. Nachdem ich vor ein paar Tagen versucht habe ihr Schwimmen und Schnorcheln beizubringen, hat sie mich zu sich nach Hause eingeladen. Gestern war es dann soweit. Sie hatte einen freien Tag und hat uns mit zu sich genommen. Im Vorfeld hatte eine Zeremonie für ein Baby stattgefunden, die wir leider verpasst haben, weil alle so sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt waren.

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Für diesen kleinen Kerl wurde die Zeremonie gehalten.

Schon im Vorfeld entschuldigte sich Mia dafür, dass es nur ein kleines Haus ist, in dem sie lebt. Ich habe inzwischen viele Häuser hier auf Bali gesehen und egal ob groß oder klein, sie hatten alle einen gewissen Charme. Gestern habe ich dann gesehen, wie das wirkliche Leben der Balinesen aussieht.

 

Das wirkliche Leben auf Bali

Nachdem wir die Hauptstraße in Amed verlassen hatten, wurde die Straße deutlich schlechter. Überall Schlaglöcher, Steine und Müll. Noch ein Stück weiter glich die Straße eher einem Feldweg. Hier musste Mia also jeden Tag entlang, um zur Arbeit zu kommen. Über einen schmalen Trampelpfad neben einem kleinen Maisfeld fuhren wir bis zu einer kleinen Ansammlung von Häusern. Wir wurden freundlich begrüßt und Mia zeigte auf eines der Häuser. Hier lebte sie also. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein kleiner Bungalow mit weißen Fliesen. Zwei Zimmer. Die Küche teilt sich Mia mit zwei anderen Haushalten. Wo das Bad ist, weiß ich nicht, aber es befindet sich nicht in ihrem Teil des Hauses. Im Wohnzimmer steht ein kleines Regal, auf dem ein Fernseher steht. Auf dem Boden liegt eine Matratze. An den Wänden hängen ein paar ausgeblichene Fotos von Familie und Freunden. Das Schlafzimmer besteht aus einem Kleiderschrank und einer weiteren Matratze. Das war’s.

 

Minimalismus?

In Europa würden wir das minimalistisch nennen. Wir wären stolz darauf, dass wir mit so wenigen Möbeln und Gegenständen auskommen. Wir würden beschreiben, wie viel glücklicher wir sind, seit wir nicht mehr in der 100 Quadratmeter Wohnung mit all dem überflüssigen Besitz wohnen. Weil wir selbst entschieden haben, so wenig zu besitzen. Mia hingegen schien sich zu schämen. Sie weiß, wie hübsch man ein Zimmer einrichten kann. Sie sieht auf der Arbeit jeden Tag die liebevoll eingerichteten Zimmer mit den großen Betten mit weißen Laken, die alle drei Tage von ihr gewechselt werden. Sie hegt und pflegt den großen Garten der Unterkunft, während sie sich zuhause über ein paar kleine Pflanzen vor ihrem Haus freut. Sie sieht jeden Tag wie hübsch man ein Zuhause herrichten kann, kann es sicher aber selbst nicht leisten. Und die Unterkunft, in der ich hier lebe ist kein fünf Sterne Hotel. Wunderschön, aber nicht luxuriös. Nicht für unsere Verhältnisse.

 

Lächeln

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Das Haus von Mias Schwiegereltern.

Gegenüber wohnen Mias Schwiegereltern. Man kann dem Haus ansehen, dass es schon sehr alt ist. An der Mauer stehen ein paar Töpfe. Offenbar wird hier das dreckige Geschirr gespült. Mias Haus ist deutlich moderner. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Das Haus ihrer Schwiegereltern ist weniger einladend. Es wirkt kalt und schmutzig. Das vergisst du aber ganz schnell, wenn du in ihre Gesichter schaust. Sie lächeln. Unentwegt. Ob sie glücklich sind? Ich weiß es nicht, aber sie scheinen zufrieden mit dem, was sie haben. Sie verlangen nicht immer mehr. Im Gegenteil. Von dem was sie haben, geben sie sogar noch großzügig etwas ab. Noch nie zuvor habe ich so viel Essen und Trinken angeboten bekommen, wenn ich irgendwo zu Besuch war.

Gastfreundschaft

Unser Willkommens-Tee mit Gebäck.

 

Das Nötigste und das Wesentliche

Beim Minimalismus wollen wir uns auf das Wesentliche beschränken, auf die Dinge, die wir wirklich benutzen. Hier auf Bali bleibt vielen Menschen diese Wahl nicht. Sie leben mit dem Nötigsten. Wenn sie weniger hätten, wäre es schon zu wenig für ein normales Leben. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass wir die Wahl haben, wie viel Besitz wir haben möchten, und sie nicht. Minimalismus ist ein Weg, den wir freiwillig gehen. Und selbst als Minimalist mit verhältnismäßig wenig Besitz lebst du noch im Luxus, verglichen mit dem, was die Menschen hier haben.

 

Dankbarkeit

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Ein stolzer Hahn vor Mias Haus.

Es geht immer nur darum noch etwas loszuwerden, dich von deinem Besitz zu befreien und die überflüssigen Dinge aus deinem Leben zu verbannen. Doch wie oft bist du dankbar für das, was du besitzt? Wie oft erfreust du dich an deinem Besitz? Wie oft sitzt du einfach dort und zeigst Dankbarkeit für all die schönen und nützlichen Dinge um dich herum?

 

Fazit

Sei dankbar dafür, dass du die Wahl hast zu entscheiden, wie viel Besitz du um dich herum haben möchtest. Nimm schöne Dinge öfter in die Hand und erfreue dich daran, dass es zu deinem Leben gehört. Es ist nicht selbstverständlich, dass du all diese Dinge besitzt. Öffne deine Augen für das Leben anderer Menschen und deine Probleme bezüglich des Minimalismus werden dir mehr als nichtig vorkommen.

Bist du dankbar für deinen Besitz?

11 Comments

  1. Hi Silke,

    ein sehr schöner Artikel! Spricht mich sehr an. Ich glaube Du triffst etwas, das mich hier manchmal stört, wenn Minimalismus so eindimensional nur aus unserer Überflussgesellschafts-Sicht betrachtet wird. Möglichst wenig ist nicht immer gut und Dinge sind nicht immer schlecht. Differenzierte Sicht und Dankbarkeit für die eigenen Möglichkeiten und Besitztümer tut sicher gut! Auch wenn man was aussortiert, kann man trotzdem dankbar sein, dass der Gegenstand so lange bei einem war und offensichtlich ja irgendein Bedürfnis erfüllt hat. Ich glaube, dass diese Haltung das Weggeben und Loslassen auch besser macht – also für die eigene Psyche besser :-)

    Liebe Grüße!
    Andrea

    • Silke

      5. Februar 2016 at 7:47

      Hallo Andrea,
      es freut mich sehr, dass ich da scheinbar einen Nerv bei dir getroffen habe.
      Ich sehe den Minimalismus in unserer Gesellschaft durchaus als sehr positiv, aber zu behaupten, dass jeglicher Besitz schlecht ist, halte ich für falsch. Schön, dass ich mit dieser Meinung nicht allein dastehe.
      In letzter Zeit habe ich oft gelesen, dass sich manche Minimalisten damit quälen nichts zu kaufen. So sollte das nicht sein, finde ich. Wenn dort ein Gegenstand ist, den du wirklich begehrst, der dir einen enormen Nutzen bringt oder du nachts nicht schlafen kannst, weil du dich ärgerst, ihn nicht gekauft zu haben, dann spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, etwas zu kaufen. Beim Minimalismus geht es doch um bewussten(!) Konsum, nicht um Selbstgeißelung, oder nicht?
      Liebe Grüße, Silke

  2. Likebutton, wo ist der verfluchte Likebutton?! Frollein S. stellt sich mal wieder immens dusslig an in der Button-Kommunikation, stimmt dir aber aus vollstem Herzen zu! (:

    • Silke

      26. Januar 2016 at 3:34

      😀 Ich danke dir. 😀
      Deine Worte sind mehr Wert als jeder Klick auf einen Button 😉

  3. Leider bin ich auf den Absender Button gekommen.. Also weiter:
    So etwas gar nicht zu können, kann man sich nur schwer vorstellen. Auch wenn man versucht mit wenig zu leben, wenn einem danach ist kann man sich was kaufen. Ich stelle es mir für Mia auch schwierig vor in einem Hotel zu arbeiten und zu sehen was es dort alles schönes gibt.. Sie wird ja einen ganz normalen Job dort haben von dem sich in Deutschland jeder mehr als zwei Matratzen und einen Schrank leisten kann.. Traurig alles, wie es um die Ungerechtigkeit auf der Welt bestimmt ist. Einmal mehr Grund dankbar zu sein für die vielen Privilegien die wir nun mal in unseren Industriestaaten haben.

    • Silke

      25. Januar 2016 at 2:56

      Hallo Caroline,
      ich finde, du hast einen sehr schönen Blick auf unsere Welt und das was darin schief läuft :-)
      Behalte dir diese Gedanken so bei, sei dankbar für das, was du hast und versuche, den Menschen um dich herum ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Bei mir hast du das heute schon geschafft 😀
      Liebe Grüße, Silke

  4. Einen wunderschönen und zum Nachdenken anregenden Artikel hast du hier geschrieben. Ich bin noch keine Minimalistin, versuche es aber zu werden und so viel kann ich in meinem 20 qm Apartment eh nicht besitzen. Und obwohl ich Studentin bin, kann ich mir mal eben zu schöne Vorhänge kaufen oder ein Buch, eine Blume etc.. So etwas gar nicht zu konnen

  5. Vielen Dank für diesen einfühlsamen und interessanten Artikel.

    Ich freue mich immer, Einblick in den Lebensalltag anderer Menschen zu bekommen. Toll, dass Du dies hier ermöglichst und uns mit auf die Reise nimmst.

    Dein Beitrag zeigt: Für Minimalismus gibt es keine „internationale“ oder gar „allgemeingültige“ Definition. Je nach persönlichem Lebensumfeld ist das Ganze thematisch vollkommen unterschiedlich aufgeladen. Wer nichts oder nur sehr wenig (unfreiwillig) besitzt, wird der Sache wohl nur wenig abgewinnen können.
    Dennoch: Das Glück liegt immer auch in den kleinen Dingen des Lebens. Man muss sie nur sehen wollen.

    Herzlichst
    M21

    • Silke

      24. Januar 2016 at 13:07

      Vielen Dank für den schönen Kommentar.
      Heute habe ich mich über die Schmetterlinge im Garten gefreut und über das Lachen der Kinder, die durch den Regen gerannt sind.
      Es sind vor allem die nicht materiellen Dinge über die wir uns häufiger freuen sollten.

  6. Hey Silke,
    toller Artikel!
    Ich stimme dir absolut zu. Ich habe die selbe Erfahrung in Nepal gemacht, wo sich die Leute jedes mal für ihr bescheidenes Leben entschuldigt haben, wenn ich nach Hause eingeladen wurde.
    Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich die freie Wahl habe, wie ich leben möchte. Ich kann mich bewusst zum Minimalismus entscheiden, weil es sich grade gut anfühlt und weiß gleichzeitig, dass ich jederzeit anfangen könnte Besitztümer anzuhäufen, wenn mir danach wäre. Das macht mich frei in meinem Denken und Handeln. Diese Wahl haben die meisten Nepalesen nicht.

    Liebe Grüße aus Taghazout
    Jannis

    • Silke

      24. Januar 2016 at 13:03

      Hi Jannis,
      ich danke dir. Gut zu wissen, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein dastehe, aber auch schade zu wissen, dass es auch in anderen Ländern Menschen gibt, die eher unfreiwillig ein sehr einfaches Leben führen. Nicht, dass mir das nicht schon vor meiner Reise bewusst gewesen wäre, aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, das bei Menschen zu sehen, die einem so sehr ans Herz gewachsen sind.
      Liebe Grüße nach Marokko
      Silke
      PS: Dein zweiter Kommentar gefällt mir auch sehr gut 😉

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