Bedeutet Minimalismus Verzicht?

Ein Leben als Asket

Immer wieder höre oder lese ich im Zusammenhang mit Minimalismus das Wort „Verzicht“. Vor allem Menschen, die sich noch nicht so viel mit Minimalismus beschäftigt haben, stellen sich das Leben als Minimalist vor wie das eines Asketen. Auch in den Medien werden Minimalisten gerne als Menschen dargestellt, die in einem leeren Raum auf einer Matratze schlafen und nur maximal 100 Dinge besitzen. Solche Minimalisten gibt es natürlich auch, sie sind jedoch die absolute Ausnahme. Ich kenne inzwischen viele Menschen, die einen minimalistischen Lebensstil verfolgen und keiner davon schläft auf dem Fußboden oder quält sich durch Verzicht durch sein Leben.

Wieso ich es nicht als „Verzicht“ empfinde, obwohl ich auf bestimmte Dinge „verzichte“, möchte ich dir hier gerne erklären, damit du nicht weiterhin glaubst, dass du dich einschränken müsstest, wenn du minimalistisch leben möchtest.

 

Was bedeutet „Verzicht“ denn überhaupt?

Verzicht ist ein ziemlich hartes Wort und es impliziert meiner Meinung nach, dass du dich unfreiwillig von etwas trennst oder etwas unfreiwillig nicht mehr tust. Minimalismus ist für mich aber eine absolut freiwillige Sache, die Spaß machen soll und Positives in dein Leben bringen soll. Verzicht ist in meinen Augen also definitiv das falsche Wort, auch wenn ich es sicher hier und da schon selbst in meinen Texten verwendet habe. Die Bedeutung des Wortes Verzicht ist bei mir irgendwie eine andere. Verzicht heißt für mich eigentlich, dass ich etwas aus meinem Leben streiche, das ich in Wirklichkeit gar nicht brauche. Verzicht bedeutet, dass ich mit weniger Dingen auskomme als zuvor und auch mit weniger Dingen glücklich bin als die meisten anderen Menschen. Verzicht im eigentlichen Sinne wäre es, wenn ich darauf verzichten müsste, keine Wahl hätte. Die Art Verzicht, die es beim Minimalismus gibt, ist jedoch völlig freiwillig und unterliegt deinen eigenen Regeln.

 

Dein Leben, deine Regeln

Verzicht_dein_Leben_deine_Regeln

Niemand hat dir vorzuschreiben, was du zu tun hast.

Du machst also selbst die Regeln, von welchen Dingen oder auch Gewohnheiten du dich trennst und welche weiterhin einen Platz in deinem Leben haben sollen. Es ist deine freie Entscheidung, wodurch es bei dir kein schlechtes Gefühl hinterlassen sollte, wenn du einen Gegenstand weggibst. Minimalismus sollte immer eine Bereicherung für dein Leben sein und sich nicht wie ein Zwang und Verzicht anfühlen. Du machst das schließlich für dich, oder etwa nicht? Dein Leben soll sich durch den Minimalismus verbessern. Dein Leben soll freier, flexibler, selbstbestimmter und sinnvoller werden. Verzicht, der sich anfühlt als wärst du in einem Käfig gefangen, hat nichts mit Minimalismus zu tun.

 

Was Nicht-Minimalisten manchmal so denken

Auf meinen Reisen habe ich mich viel mit anderen, Nicht-Minimalisten, über Minimalismus unterhalten. Vor allem Backpacker konnten das Gefühl von Freiheit durch weniger Besitz meist sehr gut verstehen – schließlich waren sie selbst nur mit einem Rucksack unterwegs, in dem sie alles verstaut hatten, was sie für mehrere Monate brauchten. Einige konnten sich ein Leben als Minimalist jedoch so gar nicht vorstellen. Sie hatten sofort das Gefühl, verzichten zu müssen. Ein Leben mit so wenig Besitz zu führen, wie ich, kam für sie nicht in Frage. Ein Leben wie in „Armut“ zu führen und das völlig freiwillig? Interessant, denn ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein schlechteres Leben führe als Menschen mit mehr Besitz und mit höheren Ausgaben. Mir geht es besser als je zuvor und ich bin froh, dass ich mich von so vielen Dingen, Gewohnheiten und auch Menschen getrennt habe.

 

Aufgewachsen in einer Konsumwelt

Verzicht_Konsumspirale

Befreie dich von Dingen, die du nur machst, weil du es gewohnt bist.

Wenn du in unserer Konsumwelt aufgewachsen bist und es für dich zum Leben schon immer dazu gehörte, shoppen zu gehen und dein Taschengeld oder deinen Verdienst in Dinge zu investieren, fällt es natürlich erst einmal schwer zu glauben, dass dich genau das Gegenteil glücklich machen soll. Überdenkst du jedoch dein eigenes Verhalten und hinterfragst gesellschaftliche Normen, merkst du schnell, dass du dich in einer Art Spirale befindest. Du gehst arbeiten, um Geld zu verdienen, dass du dann für Dinge ausgibst, die du „brauchst“, damit du auf der Arbeit akzeptiert wirst, du seriöser wirkst und so weiter und sofort. Oft muss es auch ein neues Auto sein, dass du eigentlich nur „brauchst“, weil du damit zur Arbeit fährst oder ein neuer Anzug für das nächste Kundengespräch. Oft kaufst du auch Dinge, die ich als Statussymbole bezeichnen würde, Dinge, die nur dazu dienen deinen Mitmenschen zu zeigen, dass du einen guten Job hast, bei dem du gutes Geld verdienst. Viele Dinge sind auch einfach nur schön anzusehen und du kaufst sie, um dich daran zu erfreuen. Aber wie lange hält diese Freude an? Rechtfertigt diese Freude deine Lebenszeit, die du in Arbeitszeit eintauschen musstest, um diesen Gegenstand kaufen zu können?

 

Verzicht ist eine Frage der Einstellung

Natürlich gibt es Dinge, die dir so viel bedeuten oder die dir dein Leben so sehr erleichtern, dass du bereit bist dafür Geld auszugeben. Ganz klar. Aber wenn du deinen Konsum regelmäßig hinterfragst, werden das immer weniger Dinge. Je mehr du dich mit dem Thema Minimalismus auseinandersetzt, desto weniger fühlt es sich an als würdest du „verzichten“. Jedes Teil, von dem du dich trennst, macht dich leichter und freier und bei einem Gang durch die Stadt wird aus dem komischen Gefühl nichts gekauft zu haben ein gewisser Stolz. Stolz, dass du der Konsumspirale entkommen bist und ein Leben nach deinen Regeln, deinen Wünschen und deinen Bedürfnissen führst. Was für mich Freiheit ist, fühlt sich für den nächsten vielleicht schon an wie ein Käfig. Vor ein paar Jahren hätte ich mich in meinem jetzigen Leben glaube ich nicht wohl gefühlt. Wo Minimalismus aufhört und schmerzlicher Verzicht anfängt, ist also auch Einstellungssache und oft ein Prozess.

Verzichtest du, oder streichst du nur Dinge aus deinem Leben, die dir nicht gut tun?

8 Comments

  1. Hallo Silke.

    Ich finde auch Verzicht hört sich nicht wirklich schön an.
    Eigentlich passt nicht wollen / oder bewusst wollen doch viel besser.

    Das zeigt das man Selbstbestimmt handelt und keinem Zwang unterliegt,
    meistens zumindest.

    Mich hat das nicht wollen jeden falls soweit gebracht das ich mein Leben wieder in vollen Zügen genieße, Spaß an meiner Arbeit habe und meine Kreativität dadurch auslebe vorhandenes zu nutzen.

    Selten habe ich mich so frei gefühlt wie im Moment.

    Liebe Grüße Andrea

    • Silke

      19. Juni 2016 at 13:45

      Hallo Andrea,
      selbstbestimmtes Handeln finde ich allgemein so unglaublich wichtig.
      Ich freue mich, dass du dein Leben jetzt wieder richtig genießen kannst und das hier mit uns teilst.
      Ich wünsche dir noch einen schönen (hoffentlich sonnigen) Tag und weiterhin ganz viel Kreativität und Zufriedenheit!
      Lieben Gruß, Silke

  2. Mir gehts ähnlich, mein Post geht in die selbe Richtung. Wobei ich mir hauptsächlich bewusster mache, was schon lange in meinem Leben ist: Erst habe ich nicht daran gedacht, einen Fernseher zu kaufen, ich bin ohne aufgewachsen und habe ihn nicht vermisst. Und inzwischen ist das nicht-haben quasi ein Markenzeichen von mir, das ich pflegen will.

    Das mit der Wunschliste ist eine gute Idee, ich überlege mir oft zwar einige Tage oder Wochen, ob ich das eine Ding wirklich brauche, aber eine Frist habe ich mir bisher nicht gesetzt. Anderseits will ich mir auch kein quasireligiöses Regelwerk aufbauen 😉

    • Silke

      24. Januar 2016 at 4:46

      Hallo Zora,
      das Nicht-haben als Markenzeichen gefällt mir :-)
      Mach einfach so weiter, wie es dir gefällt. Das mit der Wunschliste kannst du ja mal testen und wenn es dir nicht gefällt, dann lässt du es eben wieder. Ich mag auch nicht so viele Regeln etc. in meinem Leben haben. Minimalismus bedeutet für mich auch freie zu sein und weniger Regeln zu folgen.
      Liebe Grüße, Silke

  3. Hallo Silke,

    mich stört das Wort „Verzicht“ in den Medien wenn es um Minimalismus geht. Für mich ist es eine Optimierung. Fühlt es sich nicht gut und wie Verzicht an, hab ich wohl die falschen Sachen aussortiert. Gerade freue ich mich über einen Minibackofen und auf die erste Pizza heute darin. Besitz schafft mir Möglichkeiten. Obwohl ich Pizza gar nicht vermisst hab in den letzten Monaten. Mein Speiseplan wurde langsam zu einseitig.

    Die Wunschliste hab ich auch in meinem Kopf. Manches ist mit der Zeit nicht mehr wichtig. Anderes kommt immer wieder.

    Ich weiß nicht, ob Menschen immer im Wettbewerb sein wollen. Bei einer Wohnmobilsendung hieß es, dass nur die die richtigen Camper sind, die noch ein Quad an Board haben um überall weiterzukommen. Also hier auch Hirarchien. Ich finde das ganz schrecklich. Ein Quad würde mir reichen. „Hier sind alle mobil aber keiner bewegt sich vom Fleck“, hat mir besser gefallen: Eine Frau über die Wohnmobile auf dem Campingplatz.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Silke

      21. Januar 2016 at 1:49

      Hallo Tanja,
      ja, mich stört das auch, dass immer alle von „Verzicht“ reden. „Optimierung“ gefällt mir deutlich besser :-)
      Das Wort „Wettbewerb“ ist passt in diesem Zusammenhang wirklich gut. Entweder muss es immer mehr oder immer weniger sein als die anderen Menschen haben/nicht haben. Fürchterlich. Lebt doch einfach alle so, wie euch gefällt. Nach euren eigenen Regeln. Für euch, nicht für andere.
      Witzig, dass du das Beispiel mit den Wohnmobilen bringst. Auf unserer Reise durch Spanien habe ich mich oft gefragt, wieso sich die Leute erst ein Wohnmobil kaufen und sich dann ihrer eigenen Flexibilität berauben indem sie auf einem Campingplatz stehen… Für mich völlig unverständlich. Ein Wohnmobil muss bewegt werden. Wenigstens alle paar Tage. Und wenn ich von diesem Wettbewerb auf Campingplätzen höre, bin ich wirklich froh, dass wir uns dem völlig entzogen haben.
      Danke für deine Denkanstöße.
      Liebe Grüße, Silke

  4. Für mich ist minimalismus verzicht auf unnötiges. Um zu erfahren was nötig ist, führe ich eine Wunschliste: Was dort immer weiter nach unten rutscht kann nicht nötig sein.

    • Silke

      16. Januar 2016 at 3:13

      Hallo Thomas,
      genau so sollte es sein! :-)
      Das mit der Wunschliste ist eine tolle Idee. Richtig gut wird es, wenn dir irgendwann keine Wünsche mehr für deine Liste einfallen 😉
      Liebe Grüße, Silke

Schreib einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

*

© 2017 minimalisch.de

Theme by Anders NorenUp ↑